Lernen durch Fehler – So lernst du Bewegungen schneller
Perfekt sein. Alles richtig machen. – Das klingt eigentlich gut, oder? So wie man gerne hätte, dass jedes Training abläuft! ABER genau das kann dich auch absolut ausbremsen, wenn du eigentlich neue Skills und Bewegungen lernen willst!
Wenn du Neues schaffen willst – sei es beim Handstand, Calisthenics, Akrobatik und mehr – ist Perfektion im Training nicht das Ziel, sondern vielleicht sogar eher das Hindernis! Echtes motorisches Lernen entsteht nicht, wenn alles immer funktioniert, sondern wenn du Fehler machst und nicht jeder Versuch wie der vorherige ausschaut.
Warum Fehler so wichtig fürs Lernen sind
Fehler fühlen sich unangenehm an – aber für dein Gehirn sind sie Gold wert. Jeder Wackler, jeder Sturz, jeder Versuch liefert wertvolle Informationen, die dein Nervensystem nutzt, um Bewegungen besser zu verstehen und effizienter zu werden.
Wenn du z. B. beim Handstand umfällst, lernt dein Körper jedes Mal ein bisschen mehr daüber:
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wie sich Balance anfühlt,
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welche Muskelspannung fehlt,
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wann du zu viel oder zu wenig Schwung hast
- und auch, wie du dich gut abfangen kannnst.
Studien zeigen, dass Fehler nicht als Bedrohung gesehen werden sollten, sondern als zentraler Teil des Lernprozesses.
„Errors should not be considered a threat to practice, but embraced as they can lead to better motor skill acquisition.“
– Lohse et al., 2019
Fehler = Feedback. Und genau dieses Feedback ist das, was dein Gehirn nutzt, um besser zu werden!
Die Challenge Zone – wo Fortschritt wirklich passiert
Viele trainieren in einer Komfortzone, in der alles zu 99% klappt. Aber genau dort passiert wenig Neues.
Das Challenge Point Framework (Guadagnoli & Lee, 2004) beschreibt daher, dass Lernen am effektivsten ist, wenn eine Aufgabe herausfordernd, aber noch erreichbar ist. Also du darfst scheitern – aber nicht ständig.
👉 Eine Erfolgsquote von etwa 70–80 % gilt als ideal.
Das ist der Bereich, in dem du konzentriert, aber nicht überfordert bist.
Wo dein Gehirn ständig justiert, ausprobiert und sich verbessern kann.
Wenn du also immer alles perfekt kannst, bleibst du stehen, weil keine neuen neuronalen Verknüpfungen entstehen.
Andersrum aber, wenn du nie etwas schaffst, tappt dein Nervensystem auch eher im Dunkeln und hat keine Richtung, in der es besser werden kann.
Aber dazwischen, in deiner Challenge Zone, kannst du richtig voran kommen.
Mein Weg: Vom Fallen zum Lernen
Als ich als Kind angefangen habe, Handstand zu üben, habe ich nie gezählt, wie oft ich gefallen bin. Ich hab’s einfach immer und immer wieder probiert.
Später, als Trainerin, hab ich gemerkt: genau das war mein Vorteil. Ich hatte keine Angst vorm Fallen – und das hat mir erlaubt viele „Fehler“ zu machen, wodurch mein Körper viele Informationen über die Bewegungsmuster sammeln konnte.
Auch heute noch mag ich es – in absehbarem Risiko – zu fallen. Denn das Scheitern ist kein Rückschritt, sondern ein Mini-Schritt Richtung Kontrolle und Verständnis. Entsprechend bin ich jedes Mal sogar sehr stolz auf mich, wenn ich etwas Neues probiere oder etwas mache, wo ich mir nicht zu 100% sicher bin – egal obs klappt oder nicht!
Der Super Mario Effekt – spielerisch lernen statt scheitern
YouTuber und Ingenieur Mark Rober hat das Prinzip genial erklärt:
Wenn du beim Lernen den Fokus nicht auf Fehler, sondern auf Fortschritt legst, bleibst du motivierter – und lernst doppelt so schnell.
Er nennt das den „Super Mario Effekt“:
Wenn du wie in einem Spiel lernst – neugierig, ohne Angst vor dem „Game Over“ – dann siehst du jeden Versuch als neuen Anlauf, nicht als Scheitern.
Genau so funktioniert auch motorisches Lernen im Training. Dein Gehirn braucht Wiederholungen, Abweichungen und Fehler, um zu verstehen, was wirklich funktioniert.
Bewusst trainieren: Wo Fehler sicher bleiben sollen
Natürlich heißt das nicht: einfach planlos fallen und warten bis man besser wird.
Gerade in Bereichen wie Mobility oder Krafttraining solltest du darauf achten in den richtigen Positionen zu trainieren bzw. deine Position und Bewegung BEWUSST zu wählen.
Wenn du z. B. den Spagat lernst, ist es wichtig zu verstehen, wo deine Hüfte gerade ist oder in welchen Winkeln du welche Muskelgruppen erwischst. So gehst du sicher, dass du keinen Bereich unnötig übertrainierst oder überlastest.
Das heißt aber nicht, dass es „richtige“ und „falsche“ Positionen gibt. Vielmehr darfst – und sollst – du auch verschiedene Positionen ausprobieren. Z.B. Hüfte ausdrehen, Spannungen wahrnehmen, mit Kontrolle experimentieren. Relevant ist es aber, dass du diese bewusst nutzt, um deinen Körper in genau diesen Positionen oder Winkeln zu kräftigen.
Ebenso beim Krafttraining:
Die Knie dürfen sich bewegen, Winkel dürfen variieren – solange du Kontrolle behältst.
So lernt dein Körper, sicher und stark in unterschiedlichen Positionen zu arbeiten.
Lernen durch Fehler gilt nicht nur im Training!
Das Prinzip „Lernen durch Fehler“ funktioniert nicht nur bei Bewegungen, sondern bei jeder Art von Lernen.
Auch beim Vokabeln lernen, Musik spielen oder neue Fähigkeiten entwickeln reagiert dein Gehirn ähnlich:
Immer wenn du einen Fehler machst und ihn bewusst wahrnimmst, steigt deine Aufmerksamkeit – und du wirst dir die richtige Lösung besser merken können.
Diese kurze Phase erhöhter Alertness sorgt dafür, dass Informationen stärker verarbeitet und besser abgespeichert werden. Fehler lösen also nicht (nur) Frust aus, sondern aktivieren genau die Mechanismen, die dein Lernen langfristig verbessern.
Forschungen zeigen außerdem:
Menschen, die beim Lernen Fehler machen dürfen, behalten Inhalte nachhaltiger als jene, die nur passiv „richtiges“ Wissen aufnehmen.
Das gilt im Handstand genauso wie beim Spanisch lernen.
Merk dir also:
Dein Gehirn liebt Fehler – weil sie Raum schaffen, in den echtes Lernen passieren kann.
Perfektion ist kein Ziel – sondern eher eine Bremse.
Wenn du immer nur Dinge versuchst, die du schon kannst, nimmst du dir die Chance, wirklich zu lernen.
Fehler sind kein Zeichen von Schwäche, sondern der Beweis dafür, dass du dich traust ein Risiko einzugehen.
Jeder Sturz, jeder Fehlversuch, jede Unsicherheit ist ein Stück Feedback für dein Nervensystem – und bringt dich deinem Ziel näher.

